Mittwoch, 03. Oktober 2012

Haben Pflanzen ein „Gehirn“?

Was aus der Sicht des gesunden Menschenverstandes als ausgeschlossen gilt, ist für den Zellularbiologen Dr. Frantisek Baluska eine Tatsache. Seine kühne These: Pflanzen können gezielt wahrnehmen und reagieren. Fast so wie Tiere. Oder wir Menschen. Wenn man seinen Ausführungen folgt, ist man tatsächlich nicht abgeneigt, die Theorie als glaubwürdig in Betracht zu ziehen… „Die Forschung steht allerdings noch ganz am Anfang“, betont Baluska.

Einige Pflanzenforscher gehen bereits seit längerem davon aus, dass Pflanzen bestimmte Strukturen aufweisen, die in ihren Funktionen dem menschlichen Nervensystem nicht unähnlich sind. Maispflanzen z. B. arbeiten mit spezifischen Duftstoffen, um Schlupfwespen anzulocken, die schädliche Raupen eliminieren. Und wenn Tomaten von Raupen angegriffen werden, bilden sie nicht nur Abwehrstoffe. Mit Duftstoffen warnen sie gleichzeitig ihre Nachbarinnen. Der Duftstoff heißt Methyljasmonat und wird auch für Parfüms verwendet.
Der gebürtige Slowake Dr. Frantisek Baluska von der Friedrich Wilhelms-Universität Bonn hat in Zusammenarbeit mit der Forschergruppe von Stefano Mancuso aus Florenz herausgefunden, dass Pflanzen vermutlich viel schlauer sind, als man gemeinhin so glauben würde.

Pflanzen besitzen zwar kein Gehirn, so der Forscher, aber eine unterirdische Kommandozentrale – die Wurzeln. Laut Baluska besitzt eine einzige Roggenpflanze 13 Millionen Wurzelfasern, deren Gesamtlänge an die 600 Kilometern beträgt, wobei die Wurzelfasern ein riesiges dynamisches Kommunikationsnetz bilden. Dazu verwenden sie in Wasser gelöste Botenstoffe, die sie – wie winzige mit Substanzen gefüllte Bläschen – hin und her bewegen und mit den Wurzeln wahrnehmen können, sagt Baluska. Außerdem seien die Zellen in den Wurzelspitzen elektrisch sehr aktiv.

Der Forscher spekuliert, dass die Wurzel auf diese Weise Informationen über ihre Umgebung wahrnimmt und weiter gibt. Diese könnten dann an anderer Stelle in Wachstumssignale umgesetzt werden. Die Wurzelspitze könne so auf der Suche nach Wasser und Nährstoffen Information wahrnehmen und bearbeiten. „Wir wissen heute, dass die Wurzelspitze kontinuierlich 20 Bodenparameter scannt", schildert Baluska, „wenn sie auf Giftstoffe stößt, ändert sie z. B. blitzschnell ihre Wuchsrichtung."
Darüber hinaus „erspüren“ Pflanzen Schwerkraft, Licht, Feuchtigkeit, Temperatur, Mineralien, Duftstoffe und anderes. Und sie reagieren auf diese Signale, indem sie auch die Anzahl der Blätter oder den Zeitpunkt der Blüte ändern.

„Schließlich hat schon Charles Darwin vor mehr als 100 Jahren von einem 'Pflanzengehirn' gesprochen. Wir wollen heute mit dieser Metapher eine neue Diskussion anregen, denn Pflanzen sind sicher viel komplexer, als es die Wissenschaft momentan annimmt“, nimmt der Wissenschaftler seine vielen Kritiker ins Visier: „Bisher gab es in der Pflanzenphysiologie kaum elektrophysiologische Untersuchungen. Pflanzen mit Nerven – das war suspekt. Niemand wollte ein Gebiet finanzieren, dem im Entferntesten der Ruch des Esoterischen anhaftete. Erst in den letzten Jahren begann sich dies zögerlich zu ändern. Für die Forschung bedeutete dies zehn bis zwanzig Jahre Stillstand“ – in den nun langsam wieder Leben zu kommen scheint… Ist das nicht aufregend!